Ein Abend im Kamerun

Ein Dosenfischer an der Ostsee. Statt Postkarten flatterte uns dieser feine Gastbeitrag ins Haus und wir sagen dem sandmann herzlich Dankeschön dafür.

[simage=110,160,y,right]Kamerun. Da gibts natürlich das Land in Westafrika, das in der Kniebeuge des Kontinents, es gibt ein Schaf gleichen Namens und offenbar gab es auch einmal Fischerhütten am Strand von Boltenhagen, die „Kamerun“ genannt wurden. Vielleicht, weil sie aus Schilf und nicht aus Holz gebaut waren und so aussahen, wie Hütten, die der vorurteilsgeladene Weiße im Busch vermutet.

In Angedenken dieser Hütten gibts nun in Boltenhagen am Ende der neuen „Weißen Wiek“ oder an deren Anfang, wer will das schon so genau sagen, am Ende also oder am Anfang dieses in nur einem Jahr aus dem Boden gestampften Touristentempels am Meer, da gibt es auch ein Restaurant Kamerun. Und weil das Kamerun Meerblick hat und Fischerboote, die festgetäut sind am langen Steg, und Plastetonnen, die aussehen, als könnte man darin Meeresfrüchte lagern und Netze und ein Dach, das einmal ein Boot war, kurz, weil es beim Kamerun alles maritim und gar nicht afrikanisch daherkommt, gibts auf der Karte vor allem Fisch. Und der lässt sich prima essen.

[simage=109,144,y,left]Ich beginne bewusst voller Lob: Das Kamerun ist mit Ambitionen gestartet und offenbar mit einem guten Koch. Die Karte zeigt, dass jemand versucht hat, dem Laden einen einheitlichen und durchaus charmanten Schliff zu geben. Die Möbel draußen sind fein und der Blick ist fein und neben großen Tellern mit überaus ansprechenden Fischgerichten drauf, sind hier und da ein paar nette Ideen verwirklicht – Eis und Rote Grütze und sowas gibts zum Beispiel in diesen Einweckgläsern mit Metallbügel zum Verschließen. Hat keinen Sinn – sieht aber gut aus. Auf den Tellerrändern wird schwarzes Zeuch ansprechend verkleckert, beim Hinschmecken ist es Balsamicocreme, diese süße aus der Plasteflasche – auch nix Dolles, sieht aber gut aus und macht was her. Die Fischstäbchen für die Kinder sind selbstgemacht und schmecken mehr nach Fisch als nach Paniermehl.

Ich hatte ein Schollenfilet mit einem Häufchen Linsen und Salat als Vorspeise – sehr lecker. Nix zu meckern. Mehr kann ich gar nicht dazu sagen. Die Scholle wie Scholle, die Linsen wie Linsen, keine Faxen und der Gaumen findets gut. Als Hauptgericht traute ich mich an Matjes, Matjes ist wie Leber Vertrauenssache, finde ich, aber wie sollte sich Vertrauen aufbauen, wenn man dem Koch keine Chance gibt. Also Matjes und weil ich gerne Mecklenburger bin, Matjes Mecklenburger Art mit Speckstippe und grünen Bohnen. Dazu Bratkartoffeln, denen an Größe und Form anzusehen war, dass sie noch eben als klitzekleine Kartöffelchen aus dem Biolandboden gegrubbert wurden. Naja, vielleicht verschmilzt hier mein persönlicher Eindruck auch ein wenig zu sehr, mit der Aussage auf der Karte, dass hier vernünftige Kartoffeln genommen werden. Aber ich traue mir mal einfach das Urteil zu: Fertigware sieht anders aus.

An unserem Tisch außerdem versammelt waren: ein Zanderfilet, ein Haifischsteak, Schwein und Rind für die Fischverächter, Fischstäbchen und Nudeln. Letztere machten die Kinder glücklich und zwar sehr. Oder sie hatten Mordshunger. Fischstäbchen hab ich wie gesagt probiert – die waren prima. Zander und Hai wurden genüsslich weggeschmatzt, ich durfte aber nicht kosten. Die Nachspeisen in den erwähnten Gläsern fanden Gefallen – ich liebe ja die als ostdeutsch verschrieene Schweden-Eisbecher-Variante – Vanilleeis mit Apfelmus und Eierlikör. Gemecker gabs einzig über den Fischeintopf – der Fisch zerkocht, die Muschel naja und viel zuviele Möhren, aber auch hier muss das Urteil mit Vorsicht genossen werden – der Herr war ohnehin etwas verärgert.

Und hier muss auch ich etwas nörgeln: Das Kamerun krankt an einer Seuche, die ich bereits aus vielen anderen Lokalen an der Ostseeküste im Osten kenne: Gute Idee, gute Küche aber: keine Hingabe beim Service. Dem Personal selbst ist dabei selten ein Vorwurf zu machen – zu wenig Leute im Service lassen die wenigen immer etwas gehetzt erscheinen, mangelnde Führung macht, dass schlechter Stil und Ignoranz fortbestehen können und wenn dann auch noch der Besitzer anfängt, die Designerkarte durch eine selbstgezimmerte Einlage a´la Powerpoint-Clipart zu ergänzen, dann sind die guten Ideen vom Anfang nur noch die Hälfte wert. Vor allem, weil die Preise bereits Küsten-Kurort-Niveau erreicht haben und damit ein „günstig“ als Bonus ausfällt. Aprospos Preise: meine Vorspeise – 6.10 Euro – mein Hauptgericht irgendwo bei 15 Euro. Ich sachmal… nicht billig, aber gut – das Preis-Leistungsverhältnis ist in Ordnung.

Und ganz zuletzt: Wo kommt der Punkt für die Cache-Statistik her? Ganz einfach: Vom Mikro Weiße Wiek meines hochgeschätzten Dosenfischers aba.

[umap id=“33929″ size=“m“ alignment=“center“]

Ein Abend im Kamerun
Tagged on:     

4 thoughts on “Ein Abend im Kamerun

  • 4. Juni 2009 at 12:19
    Permalink

    Wahnsinn – wie genau die Karte an der Stelle ist und wie aktuell! Sehr schick. Bin restlos begeistert.

    Das Kamerun liegt am Ende der Straße „Zum Hafen“.

  • 4. Juni 2009 at 12:41
    Permalink

    Ja, der Anblick der Karte hat uns gestern Abend auch schon erheitert. „Das Restaurant im Nirgendwo“ 😀
    Den OSM-Ausschnitt kennen wir natürlich, das Problem ist im Moment noch, sie in das WordPress-Dokument einzubinden. Wir schauen uns das aber heute Abend nochmal genauer an und werden eine praktikable Lösung finden.

  • 4. Juni 2009 at 22:21
    Permalink

    So, die Karte ist eingebunden und damit ist wohl alles etwas übersichtlicher. 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.